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Legastheniker und Leseratte zugleich

Erfolgsgeschichten (Teil 4):
Humangenetiker Prof. Dr. med. Tiemo Grimm leidet unter einer Lese- und Rechtschreibstörung und schärft das Verständnis für die weit verbreitete Behinderung

Prof. Dr. med. Tiemo GrimmNichts deutet in der E-Mail darauf hin: kein Rechtschreibfehler, kein Kommafehler, kein Grammatikfehler. So wie man es von einem Humangenetiker erwarten würde. Doch Prof. Dr. med. Tiemo Grimm ist kein gewöhnlicher Humangenetiker: Der 74-Jährige hat ein Handicap. Er gehört zu den rund 3 Millionen Menschen in Deutschland, die unter Legasthenie leiden. Wobei leiden im Zusammenhang mit dem Mediziner das falsche Wort ist: Prof. Dr. Tiemo Grimm hat früh gelernt, mit seiner Lese- und Rechtschreibstörung umzugehen. Bewusst wurde er sich dieser nämlich erst spät: “Ich habe das erst richtig realisiert, als bei meinen Kindern ähnliche Probleme in der Schule aufgetreten sind.”

Lesen und Schreiben fielen Prof. Dr. Grimm in der Schule zwar wesentlich schwerer als die naturwissenschaftlichen, mathematischen Fächer, doch er hatte dafür einen einfachen Grund: seinen Sprachfehler. “Ich hatte als kleines Kind einen Fahrradunfall und habe dabei meine oberen Schneidezähne verloren. Dadurch konnte ich keine S-Laute sprechen”, berichtet er. Die Ganzheitsmethode zum Lesen- und Schreibenlernen in der damaligen Zeit erschwerte ihm als kleiner Junge zusätzlich den Weg: Anhand ganzer Worte wurden die Kinder damals ans Lesen und Schreiben herangeführt. Für Legastheniker ein schweres Unterfangen. “Ich habe dann nachmittags mit meiner Mutter nach der Buchstabiermethode Lesen und Schreiben gelernt”, erinnert sich Prof. Dr. med. Tiemo Grimm. 

Große Unterstützung im Elternhaus kann der Professor nur jedem Legastheniker wünschen. Von seinen Eltern wurde er an Bücher herangeführt, Vorlesen gehörte zur Tagesordnung. Als Leseratte bezeichnet sich der Humangenetiker sogar – und das mit Legasthenie. “Als kleiner Junge habe ich sehr viel Karl May gelesen, wo viele schwierige Wörter wie Old Surehand, Old Shatterhand oder Winnetou vorkommen. Diese Wörter kann man sich einfach als andere Wörter merken. Die musst du dann nicht mehr lesen. Man erkennt das Wortbild und kann sich dann etwas darunter vorstellen”, beschreibt er, wie er beim Lesen vorgeht. 

Erfolgreicher Kampf gegen Vorurteile

Die Karriere eines Humangenetikers einschlagen: Viele Unbedarfte halten das mit Legasthenie für unmöglich. Klischees und Vorurteile gibt es viele. Prof. Dr. med. Tiemo Grimm kämpft erfolgreich dagegen an – für sich, aber in erster Linie für andere Betroffene. Die eigene Behinderung legte ihm keine allzu großen Steine in den Weg: Zum einen war es in seiner Familie nichts Ungewöhnliches, dass manche Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatten. Zum anderen konnte er sein Handicap in der Schule leicht kompensieren: In den naturwissenschaftlichen, mathematischen Fächern hatte er die besten Noten. “Ich galt als einseitig begabt”, sagt er schmunzelnd. Sein Abitur machte er mit einem Zeugnis aus Einsern und Vierern. Der Numerus Clausus für einen Studienplatz für Medizin wurde damals auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Fächern sowie Deutsch ermittelt. So klappte es mit dem Studienplatz. Heute würde er vermutlich daran scheitern, schätzt der Professor, der eine gute Portion Glück im Leben hatte: “Das Studium war damals ganz stark mündlich ausgerichtet, nicht schriftlich mit Klausuren. Die erste Hälfte, bis zum Physikum, ist rein naturwissenschaftlichen. Das war ja gerade meine Stärke. Deshalb habe ich problemlos Medizin studieren können und es in kürzt möglichster Zeit geschafft”, führt der Legastheniker weiter aus. Der Schwerpunkt Genetik interessierte ihn nicht nur, sondern fußt auch auf reiner Mathematik: Für jemanden mit einer Lese- und Rechtschreibstörung ein Pluspunkt.

“Wenn man den Schulabschluss schafft, stehen einem viele Türen offen”

LegasthenieDie Kunst für Legastheniker liegt darin, die eigenen Stärken hervorzuheben, so dass die Schwächen in den Hintergrund treten. Es gibt mehr Betroffene als man glaubt, auch in Führungsetagen. Denn gerade bei Führungskräften sei das gefordert, führt Grimm aus, was Legastheniker sich aneignen, um die eigene Schwäche zu kompensieren: gute mündliche Arbeit, gute Teamarbeit, Problemlösungskompetenz. “Die größte Herausforderung als Legastheniker besteht darin, einen guten Schulabschluss zu erlangen. Wenn man diesen hat, stehen einem viele Türen offen”, weiß der 74-Jährige aus Erfahrung.

Drei seiner sechs Kinder weisen ebenfalls eine Lese- und Rechtschreibstörung auf: Diese Behinderung wird vererbt. “In geschätzt 5 Prozent der Fälle von Legasthenie ist ein einzelnes verändertes Gen die Ursache für Legasthenie. Bei den restlichen 95 Prozent haben wir eine komplexe oder multifaktorielle Vererbung, das heißt mehrere Gene und Umweltfaktoren spielen eine Rolle”, erklärt Prof. Dr. med. Tiemo Grimm. Anhand seiner betroffenen Kinder hat er erst gemerkt, wie schwer das Leben mit Legasthenie sein kann. Nach wie vor hält sich das Vorurteil: Wer nicht lesen und schreiben kann, ist dumm. “Man muss der Schule klar machen, dass das nicht stimmt. Legastheniker haben eine normale Intelligenzverteilung wie die übrige Bevölkerung auch”, sieht der Humangenetiker Lehrer in der Pflicht, Pädagogen zu sein: Man dürfe ein Kind nicht hänseln und quälen, nur weil es anders ist. Das führe dazu, dass diese Kinder psychisch krank und teils sogar straffällig werden.

“Ein Nachteilsausgleich ist absolut erforderlich”

Dasselbe Glück, das Professor Grimm während seiner Schulzeit hatte, kam seinen Kindern nicht zuteil. Er erinnert sich an eine Schulstunde seines mittleren Sohnes, der ein Fremdwort an die Tafel schreiben sollte, das er falsch schrieb. “Er musste dann eine Stunde lang das Wort schreiben, wegwischen, weil es wieder falsch war, neu schreiben. Das ist für mich Psychoterror. So etwas darf nicht passieren, das ist absolute Nicht-Pädagogik”, plädiert er für mehr Sensibilität im Umgang mit der Behinderung, die sich mit klinisch-medizinischen und psychologischen Tests heutzutage eindeutig bestimmen lässt. Ein Nachteilsausgleich in der Schule hält der Legastheniker für absolut erforderlich: “Wenn ich ein lahmes Bein habe, würde ich niemals in Sport eine 6 kriegen. Man würde akzeptieren, dass man damit kein Einser-Sportler sein kann. Mit Legasthenie ist das genauso”, vergleicht der Mediziner. 

LegasthenieIn der Schule ihrer Kinder engagierte sich Familie Grimm stark: Der Humangenetiker und seine Frau waren immer im Elternbeirat, meist hatten sie auch den Vorsitz inne. “Wir haben uns gesagt: Wir müssen gut mit den Schulen zusammenarbeiten, nur so haben wir mit den Kindern Erfolge. Und man kann dadurch versuchen, den Lehrern ein Verständnis zu vermitteln, was mit den Kindern los ist”, bedauert es der sechsfache Familienvater, dass selbst dieses Engagement wenig Erfolg zeigte. Seine drei Kinder, die von Legasthenie betroffen sind, schickte er darum auf ein Spezial-Internat, die Jugenddorf-Christophorusschule in Oberurff, ein Gymnasium und eine Realschule, wo neben Schülern ohne Handicap gezielt Legastheniker betreut werden. 

Zehn Jahre langer Kampf für Förderung

Doch so einfach, wie das klingt, war die Internatszeit nicht. Ein Internat kostet Geld. Für die Förderung musste Familie Grimm jedes neue Schuljahr kämpfen. “Wir haben Prozesse gegen den Staat geführt, um Eingliederungshilfe nach §35a Sozialgesetzbuch VIII zu erhalten. Zehn Jahre lang haben wir für alle drei Kinder Prozesse geführt und alle gewonnen. Es war nicht einfach. Wenn wir den Prozess für ein Schuljahr gewonnen hatten, dann war das Schuljahr schon wieder vorbei, das nächste Schuljahr fing an und das Ganze ging wieder von vorne los”, erinnert sich Prof. Dr. med. Tiemo Grimm an die unschönen Zeiten. Der Kampf hat sich allerdings gelohnt: Von seinen drei Kindern mit Legasthenie sind zwei Ärzte geworden, einer Unfallchirurg, eine Urologin, der Dritte wurde Bauingenieur. “Wenn man mit den Kindern richtig umgeht, können sie ihrer Intelligenz entsprechend auch Leistungen bringen”, macht der Professor deutlich. 

Er selbst ist das beste Beispiel dafür. Deshalb setzt er sich stark dafür ein, dass Legastheniker angemessen behandelt, gefördert und nicht als dumm abgestempelt werden. “Es ist enorm wichtig, dass Rückgrat des Kindes von Anfang an zu stärken und dass die Schulen lernen, mit Behinderungen umzugehen. Man darf sich nicht kaputtmachen lassen. Aber das funktioniert nur, wenn das Umfeld, also die Familie, hinter einem steht. Ansonsten wird es für Kinder mit Legasthenie sehr schwer”, weiß Professor Grimm aus seiner Tätigkeit in einer Selbsthilfegruppe. 

“Ich lese nicht gerne laut vor”

Der Humangenetiker steht zu seinem Handicap. Hilfsmittel wie Rechtschreibprogramme für Computer und Handy erleichtern seinen Alltag. Bei wichtigen Schriftstücken lässt er noch mal jemanden drüberschauen, bevor er sie nach draußen gibt: zu Hause seine Frau, früher im Institut seine Mitarbeiter. Lesen zählt nach wie vor zu den Leidenschaften des Legasthenikers, nur nicht laut. “Ich lese nicht gerne laut vor, weil ich mich immer wieder verlese. Aber es geht beim Lesen ja darum, den Inhalt zu verstehen und aufzunehmen. Ich denke, das kann ich sehr gut”, sagt er überzeugt.

Blickt Prof. Dr. med. Tiemo Grimm zurück, sieht er, dass sich das Verständnis für und der Umgang mit Legasthenie zunehmend verbessert. Das stimmt ihn zuversichtlich und zeigt ihm, dass sich der jahrelange Kampf auszahlt: “Wir haben für unsere Kinder viel gekämpft. Aus allen sechs ist etwas geworden, aber vor allem auch aus den Legasthenikern. Sie sind erfolgreich und zufrieden in ihrem Leben. Natürlich mussten wir ihnen beibringen, dass man dafür arbeiten und lernen muss. Man kann nicht auf der faulen Haut liegen. Als Legastheniker erst recht nicht. Mit Einsatz und Verständnis für Legastheniker kann ihnen jedoch die Welt genauso offen stehen, wie jedem anderen Menschen ohne Handicap.”


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